UNHINGED
STEPH MACCA

 

IMPRESSUM
Roman
1. Auflage
© 2025 Alle Rechte vorbehalten.
Sämtliche Texte, Illustrationen sowie das Cover dieses Buches sind
urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des
Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Herausgebers
unzulässig.
Ähnlichkeiten von Romanfiguren mit real existierenden Personen sind rein
zufällig und nicht beabsichtigt.
Unhinged
Originaltitel: Unhinged
Erstveröffentlichung des Originalwerks 2024
© 2024 Steph Macca
Deutsche Übersetzung © 2025
Übersetzt aus dem Englischen von Michelle Thate
Autorin: Steph Macca
Lektorat: Denise Barta
Korrektorat: Melanie Wiegandt
Coverdesign: Jaqueline Kropmanns
Buchsatz: Michelle Thate
Herausgeber:
Unholy Publishing
Petzgersdorf 16
83083 Riedering
Deutschland
Druck und Verarbeitung: CPI books GmbH

 

 

 

 

WIDMUNG
Was für ein verdammt braves Mädchen du doch bist.
Öffne diese Seiten … so, wie du deine Beine für
mich öffnen würdest.
Lass all das Ungezügelte,
Dunkle, das in dir brodelt, endlich heraus.

 

 

 

 

TRIGGERWARNUNG
Dieses Buch behandelt schwere und belastende Themen. Bitte
lies es nur, wenn du dich emotional stabil genug fühlst. Wenn
eines oder mehrere der folgenden Themen für dich schwierig
sind, nimm Abstand oder lies achtsam:
• psychische Erkrankungen (u. a. posttraumatische Belas
tungsstörung (PTBS), Borderline, Schizophrenie, Wutbewälti
gungsstörungen, 
Zwangsstörungen, 
Depressionen,
Angststörungen, suizidale Tendenzen, bipolare Störung)
• Mord
• Suizid
• Tod eines Elternteils
• Tod eines Freundes
• Drogensucht
• Gewalt
• sexuelle Übergriffe
• Amputation von Körperteilen
• Tätowieren
• Nadeln
• Blut
• Penetration mit Gegenständen
• Leichenhallen und Leichenschränke

• unethischer Missbrauch durch Fachkräfte
• Unfruchtbarkeit
• Missbrauch und Vernachlässigung
Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder
therapeutische Aufarbeitung. Die dargestellten Inhalte dienen
der Geschichte und können emotional herausfordernd sein.
Wenn dich diese Themen aktuell belasten oder du dich nicht
sicher fühlst, wende dich bitte an eine vertraute Person oder
professionelle Hilfe.
Deutschland – kostenfreie Hilfeangebote:
TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder
116 123
(24 Stunden erreichbar, anonym und kostenlos)
Bei akuter Gefahr wende dich bitte an den Notruf 112.

 

 

 

 

Kapitel 1

Unbekannt

 

Manchmal musst du trennen, was dich mit den
Menschen verbindet.
Und manchmal sind diese Verbindungen eben
So ungern ich es auch zugebe: Ich hätte es besser wissen
müssen. Das Leben macht selten, was es soll.
Was ich allerdings gelernt habe, ist, dass die Welt nicht nur
aus Schwarz und Weiß besteht. Auch wenn diese ignoranten,
naiven Arschlöcher so tun, als ob. Oh nein, es gibt so viele
verschiedene Schattierungen von Beschissen – und ich lebe seit
langer Zeit im Graubereich.
Menschen neigen dazu, zu glauben, was sie glauben wollen.
Nur wenige, die die ganze Geschichte kennen, sehen mich als
eine Art Held – ein Märtyrer der Gefallenen. Dabei bin ich
nichts dergleichen.
Ich gebe weder vor, etwas zu sein, das ich nicht bin, noch
habe ich das Bedürfnis, mich selbst in irgendwelche Schubladen
zu stecken.
Viele halten mich für den Bösewicht.
Und weißt du was? Dann werde ich ihr fucking Bösewicht.

 

Kapitel 2

Avery


Lilydale Foundation Center …
Von außen sieht es fast wie ein normales Haus aus.
Makellose weiße Säulen aus Marmor, hübsch getrimmte
Weinranken und Büsche. Und abartig viele Rosen, überall.
Ja, Rosen.
Bei einem Namen wie Lilydale – hätten sie zumindest etwas
von all der Kohle, die sie hier machen, nehmen und beschissene
Lilien in den Garten pflanzen können. Aber vielleicht sind die
Rosen ja eine Metapher - hübsch und harmlos aussehende
Pflänzchen mit gefährlich spitzen Dornen. Wären da nicht die
riesigen schwarzen Metalltore und all das Sicherheitspersonal
rund um das Grundstück, könnte man glatt denken, es sei ganz
cool hier.
Vielleicht ist es genau das, was sie allen weismachen wollen.
Oder zumindest … uns.
»Es sieht wunderschön aus. Findest du nicht, Avery?«
Mein Blick wandert zu Margaret, meiner Sozialarbeiterin.
Ihr perfekt geschnittener brauner Bob lässt sie älter wirken, als
sie tatsächlich ist, und ich bin mir sicher, das ist kein Zufall.
Niemand, der aussieht wie eine frische Fünfundzwanzigjährige, nimmt einen Job an, bei dem man sich mit abgefuckten Kids
herumschlagen muss.
Ich bin nur fünf Jahre jünger als sie.
Sie will uns glauben lassen, wir seien nicht halb so kaputt, wie
wir tatsächlich sind. Aber was weiß sie schon davon.
Ihr perfekt sitzender Hosenanzug und diese teure akkurat
geschnittene Frisur schreien geradezu nach: Ich habe keine
Ahnung von echtem Leben. Ich wette, sie hat noch nie wirkliche
Scheiße erlebt. Respekt, dass sie sich für so einen Job
entschieden hat. Sie ist der typische preisgekrönte Uni-Typ,
perfekte Noten und Daddy bezahlt alles. Ihre Eltern sind sicher
noch zusammen und schippern irgendwo in der Karibik auf
einer Yacht herum.
»Es sieht aus wie die Hölle«, antworte ich ohne jegliche
Emotion in der Stimme, woraufhin Margaret dieses warme,
einfühlsame Pädagogenlächeln lächelt, das sie im Studium
bestimmt fleißig für solche Situationen geübt hat.
»Das hier ist wirklich die beste Lösung. Ich bin sicher, du
wirst dich wohlfühlen.« Ein trockenes Lachen entkommt mir.
»Es ist ein hübsch verpacktes Jugendgefängnis, Margie. Kein
Elitezentrum, das mir eine goldene Zukunft zaubert. Lass uns
nicht so tun, als wäre es mehr als das.«
Sie schluckt, fängt sich aber gleich wieder.
»Aber es könnte dir eine Zukunft geben«, murmelt sie unbehaglich.
»Wir hatten Glück, dass diese Möglichkeit überhaupt auf
dem Tisch lag. Die andere …«
Sie verstummt, schluckt nochmal und verlagert nervös ihr
Gewicht.
Mein Magen zieht sich sofort zusammen. Sie muss den Satz
nicht beenden. Ich kenne die Alternative.
Gefängnis.
Wo landet man auch sonst, wenn man jemanden umgebracht
hat. Ich habe noch immer die Stimme des Richters im Kopf, als
er das Urteil verlas. Hart. Verurteilend.

Seine Worte waren kaum zu mir durchgedrungen, zu
benommen und fassungslos war ich, von der Scheiße, in der ich
mich befand. Das dumpfe Rauschen in mir hatte alles übertönt.
Ab dem Moment, in dem der Vorsitzende der Jury dieses eine
Wort aussprach: »Schuldig.«
Seien wir ehrlich. Der einzige Grund, warum ich hier
gelandet bin, ist, dass im ach so gefragten Lilydale Foundation
Center plötzlich ein Platz frei geworden ist. Und irgendein frisch
gebackener Baby-Anwalt unbedingt Eindruck schinden wollte
und für mich argumentiert hat.
Aber wen juckt es? Ehrlich. Ich bin ein Wrack, und egal, wo
ich am Ende lande, ich bleibe auch eins.
Der Haken an der ganzen Sache ist, dass sie versuchen
werden, mich zu einem anerkannten Mitglied der Gesellschaft
zu machen. Was nicht klappen wird. Natürlich vollständig finan
ziert durch mysteriöse Spenden. Mit Gefängnissen ist es im
Prinzip das Gleiche. Man soll rehabilitiert werden … funktionie
ren, falls man jemals wieder rauskommt. Aber wenn man einmal
als Mörder abgestempelt ist, ändert sich das nicht mehr. Dieses
Brandmal bleibt – egal, wie sehr man sich verändert. Die Leute
sehen nur, was sie sehen wollen.
Ich habe keine Ahnung, warum irgendwer Geld in so eine
Einrichtung pumpt. Es ergibt für mich keinen Sinn. Aber viel
leicht ist es scheißegal, wohin die Scheine wandern, wenn man
so abnormal reich ist. Wer weiß das schon. Hauptsache, es sieht
gut aus, man bekommt Applaus – und am Ende schreibt man es
steuerlich ab.
Win-Win.
Der Anwalt meinte, es sei mein Glück, dass sie überhaupt
über diese Option für mich nachgedacht haben, bei der Schwere
der Anklagepunkte. Von der Tatsache ganz zu schweigen, dass es
angeblich extrem schwierig sei, hier einen Platz zu bekom
men. Dass ich froh darüber sein soll.
Glück.
Ja, klar. Dass ich nicht lache.

Die wollen mich und meine rührselige Geschichte doch nur
benutzen, um sich selbst zu profilieren und so tun, als könnte
diese Institution mich in etwas Erfolgreiches verwandeln.
Etwas Besseres, das sie geschaffen haben. Einen Phoenix, der
aus der Asche seiner eigenen Schmerzen aufersteht.
Stellt euch die Schlagzeilen in fünf Jahren vor, würde ich hier
tatsächlich als vorbildlich eingegliederte Bürgerin herausmar
schieren. Nach allem, was passiert ist und was ich getan habe.
Es ist an Ironie nicht zu überbieten, wirklich.
Die Medienmogule würden sich auf meine Story stürzen und
sich dumm und dämlich daran verdienen. Egal, wie es mir dabei
geht, ob ich es will oder nicht.
Es interessiert sie einen Scheiß, was aus uns wird und was
wir darüber denken. Es geht darum, unseren Schmerz und die
Hölle, durch die wir gegangen sind, zu vermarkten. Nicht mehr
und nicht weniger.
Offenbar hat das Team aus Anwälten, Sozialarbeitern und
alldem Quatsch große Hoffnungen in mich gesetzt. Warum auch
immer. Wieder und wieder wurde mir eingetrichtert, dass mein
Leben sich hier verändern werde. Zum Besseren, versteht sich.
Dass dies meine zweite Chance sei und die ganze Scheiße bald
nur noch eine blasse Erinnerung.
Dabei hatte ich gehofft, mein Leben würde enden und ich
könnte es beim nächsten Mal besser machen, sollte ich nicht
doch in der Hölle landen.
»Lass es uns einfach hinter uns bringen«, grummele ich
Margaret daher zu, während sich die Eingangstüren öffnen, ein
Mann im Anzug heraustritt und die Treppe herunterläuft.
Perfekt kontrolliert und beherrscht schenkt er Margaret ein
höfliches Lächeln.
»Ah, das muss dann wohl Avery White sein«, wendet er sich
an sie und ignoriert mich dabei. Obwohl ich direkt neben ihr
stehe. Margaret legt eine Hand auf meine Schulter und lächelt
einnehmend.
»Ja, das ist sie, und sie freut sich sehr, hier zu sein.«

Als ob!
Ich rolle mit den Augen und schüttele genervt ihre Hand ab,
was die Aufmerksamkeit des Mannes nun doch auf mich zieht.
»Miss White, ich gehe davon aus, dass Sie auf Ihre Zeit hier
bei uns vorbereitet sind?«
Bei seinen Worten hebe ich langsam den Kopf, um ihn anzusehen. 
Kalt und hart. Der einladende Ausdruck auf seinem
Gesicht ist verschwunden, seine Fassade gefallen.
»Verraten Sie mir doch mal: Wie genau bereitet man sich
hierauf vor?«, frage ich provokant, und Margaret erstarrt bei
meinem harschen Tonfall. Nervös schiebt sie sich eine Haar
strähne hinters Ohr.
»Ähm, wir haben alle benötigten Unterlagen hier,
Mister Whittingham. Die Gerichtsbeschlüsse sind hinten
angeheftet und enthalten den vorgeschlagenen Behandlungsplan
sowie die Bedingungen der Aufnahme.« Schnell reicht sie ihm
einen schwarzen Aktenordner, auf dem sauber und ordentlich
mein Name steht. Steif nimmt er ihn entgegen und klemmt ihn
unter seinen Arm.
»Gut. Danke, dass Sie sie hergebracht haben. Miss White,
wenn Sie mir dann bitte folgen würden. Ich werde Ihnen eine
kleine Einführung in unsere Einrichtung geben.«
Die arme Margaret hebt verunsichert einen Arm in meine
Richtung, lässt ihn aber sofort wieder sinken.
»Viel Glück, Avery. Ich hoffe, dass sie dir hier helfen können
und du bekommst, was du brauchst.« Doch ich ignoriere sie und
folge diesem Idioten vor mir ins Gebäude. Ihn kann ich viel
besser ertragen als Margaret mit ihrer schwankenden Gefühls
welt und ihrem dummen Mitleid.
Deshalb sehe ich auch kein einziges Mal zurück, auch nicht,
als die schwere Tür hinter mir zufällt.
Der Eingangsbereich sieht genauso aus, wie ich es mir
draußen schon gedacht habe. Zu weiß, zu steril. Nur die
Empfangstheke ist mit Blumen dekoriert. Die Türen zu den rest
lichen Räumen sind geschlossen.

»Avery White«, wendet sich Mister Whittingham an die Frau
hinter dem Tresen und reicht ihr den Ordner.
Sie ist definitiv schon etwas älter, einige Falten überziehen
ihr Gesicht. Und genau wie ihr Kollege scheint auch sie keinerlei
Emotionen zu besitzen. Wahrscheinlich wird man so, wenn man
den ganzen Tag mit Gestörten zu tun hat.
Kurz mustert sie mich, während sie ihm einen Briefumschlag
in die Hand drückt. Mein schwarzes Haar ist zu einem Dutch
Braid geflochten – Margaret sei Dank, die heute Morgen die
Hobby-Friseurin raushängen ließ. Aber man muss ihr zugeste
hen, sie gibt sich Mühe und sorgt sich um ihre Klienten.
Tatsächlich ist sie einer der wenigen Menschen, die sich je
wirklich um mich gekümmert haben. Dabei müsste sie das nicht.
Sie wird dafür bezahlt, einen Scheiß auf uns zu geben. Und
irgendwann wird sie das auch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis
die Gesellschaft und ihre Erwartungen ihr jegliche Begeisterung,
jeglichen Idealismus aussaugen und es nur noch ums Geld geht.
Die braunen Augen der Frau treffen auf meine grauen, zeigen
mir deutlich, dass ich diesen elitären Typen unähnlicher nicht
sein könnte.
»Der Arzt der Stiftung will dich morgen sehen, um deine
Krankenakte zu besprechen. Er hat eine Kopie davon und
weiß Bescheid.« Ihr durchdringender Blick gleitet zu dem
Verband an meinem linken Arm. Offensichtlich hat auch sie
meine Akte gelesen.
Neugierige Bitch.
»Wow. Ich Glückliche«, antworte ich ausdruckslos, was sie
leise aufseufzen lässt. Doch das juckt mich nicht.
Sie wendet sich wieder an Mister Whittingham, der das
Ganze schweigend verfolgt.
»In dem Umschlag befinden sich ihre Zugangsdaten, der ihr
zugewiesene Stundenplan und die Termine mit den Fachleu
ten. Ich habe außerdem geprüft, ob wir ihr Zeugnis von der Lake
Pt. Louis High erhalten haben. Es liegt vor.«

»Ausgezeichnet«, erwidert er und deutet mir, ihm durch eine
Tür links von uns zu folgen. »Danke, Teddy.«
Mister Whittingham schließt die Tür hinter mir, und mir fällt
auf, dass jede einzelne mit einem Tastenfeld ausgestattet ist. Er
erwischt mich dabei, wie ich die kleinen Teile mustere.
»Jede Tür in dieser Einrichtung hat ein zweiteiliges Zugangs
system. Um sie zu öffnen, braucht man eine Mitarbeiterkarte
und einen Code.« Ich sehe ihn mit leerem Gesichtsausdruck an.
»Lassen Sie mich raten. Jetzt kommt der Teil der Ansprache,
in der Sie mir erklären, dass Ausbrechen eine beschissene Idee
ist. Falls die Typen mit den Knarren überall an dem nicht zu
übersehenden Zaun nicht Warnung genug sind.«
Unbeeindruckt zieht Whittingham seine Karte durch, tippt
den Code ein – natürlich so, dass ich nichts erkenne – öffnet die
nächste Tür und hält sie mir auf.
»Sie wären nicht die Erste. Überraschenderweise schrecken
Waffen hier nicht so viele ab, wie man meinen würde.«
»Oh, ich kann mir gar nicht vorstellen, warum«, gebe ich
sarkastisch zurück. »Schließlich sind wir doch alle komplett
durchgeknallt, nicht wahr?«
Zumindest in diesem Punkt sind wir uns einig. Unbeein
druckt von meinem kleinen Ausbruch geht er entspannt neben
mir her. Wirkt mit seinen zurückgegelten blonden Haaren und
dem schwarzen Anzug sowas von fehl am Platz.
»Nennen Sie es, wie Sie wollen, um sich besser zu fühlen.
Aber das Lilydale Foundation Center ist eine akademische Reha
bilitationseinrichtung für junge Bürger. Die erste ihrer Art.«
»Oh bitte«, stöhne ich genervt auf. »Sparen Sie sich die Rede.
Es ist ein nettes Geldwäsche-Projekt, damit Sie sich alle als
Helden feiern lassen können und gut dastehen. Uns kann man
nicht retten oder heilen, das wissen Sie genau. Aber hey – der
Werbeslogan sieht bestimmt richtig krass aus. Und ich wette, Ihr
Gehalt kann sich auch sehen lassen.« Seine Lippen zucken, als
müsse er ein Grinsen unterdrücken.

»Ich höre das ständig, Miss White. Vertrauen Sie einfach dem
Prozess. Sie wären verblüfft, welche … Überraschungen Lilydale
schon hervorgebracht hat.«
»Ich kenne den Inhalt der Broschüre. Ich hatte genügend
Zeit, sie in meiner Arrestzelle zu lesen. Lily Emerson Dale hat
sich aufgrund ihrer psychischen Erkrankung umgebracht. Sie
galt als extrem intelligent und hatte viel Potenzial, es weit zu
bringen«, leiere ich die Worte herunter.
»Weil ihre Familie auf einem riesigen Haufen Geld saß, grün
dete sie diese Einrichtung, um in Lilys Namen Gutes zu tun und
Menschen wie ihr zu helfen. Aber Fakt ist: Ihr sperrt die Leute
hier weg und verkauft es als irgendeine schicke Elite-Einrich
tung.« Egal, was er mir weismachen will, es ist einfach nur ein
Knast für Irre. Punkt.
»Wir hatten schon etliche Fälle, die Ihrem sehr ähnlich
waren, und sie haben das Programm mit Bravour bestanden.
Viele von ihnen führen heute ein neues, erfolgreiches Leben. Ist
das nichts, das Sie für sich selbst auch möchten?«
Ich lache trocken auf.
»Wer will nicht irgendwie erfolgreich und glücklich sein?
Aber man kann nicht jeden retten. Und mich können Sie definitiv
nicht retten.«
Er öffnet eine letzte Tür.
»Wir werden es trotzdem versuchen. Das hier ist Ihr Wohn
heim, der Eastwood Wing. Hier sind selbstverständlich nur
Frauen untergebracht. Die Zimmer der Männer befinden sich im
Westwood Wing.«
»Selbstverständlich«, wiederhole ich sarkastisch.
»Wir können schließlich nicht riskieren, dass Jungs und
Mädchen sich mischen.«
Whittingham ignoriert meinen Kommentar und fährt unbe
irrt fort.
»Das betrifft nur die Unterbringung. Die Kurse und die Frei
zeit verbringen alle Mitglieder der Einrichtung zusammen.«

»Freizeit. Klingt entzückend.«
»Das Personal wird Sie dabei unterstützen, den Ablauf einzu
halten. Am Vormittag finden Ihre therapeutischen Termine statt,
am Nachmittag eine geringe Anzahl von Unterrichtseinheiten.
Danach stehen Ihnen zwei Stunden Freizeit zur Verfügung,
bevor es Abendessen gibt. Nach dem Abendessen folgen die fest
gelegten Duschzeiten, ehe Sie für den Abend in Ihr Zimmer
zurückkehren.«
Ich runzele die Nase, als mein Blick wieder auf die Tasten
felder an den Türen fällt.
»Wo man jede Nacht eingesperrt wird. Sagen Sie, gibt es
einen Fluchtplan, falls der Laden hier abbrennt? Oder lasst ihr
uns dann in den Zimmern und kassiert die Versicherung?«
Wundern würde mich das nicht.
»Die Einrichtung erfüllt sämtliche Sicherheits- und Notfall
vorschriften. Sie finden eine Kopie davon in dem Handbuch in
Ihrem Zimmer. Ich bin sicher, Sie werden genügend Zeit haben,
es zu lesen«, übergeht er mich natürlich wieder.
Augenverdrehend, betrete ich mein Zimmer. Im Grunde ist
es nichts anderes als eine Gefängniszelle. Jeder Raum ist
nummeriert – meiner hat die 213 – und kaum größer als ein
Schuhkarton. In der einen Ecke steht ein Einzelbett, fest im
Boden verankert. In der gegenüberliegenden befindet sich ein
Schreibtisch nebst Stuhl, ebenfalls fest verschraubt.
Was denken die denn, was wir damit anstellen?
Links von mir, am Ende des Bettes, ist eine zweite Tür, die
Mister Whittingham nun öffnet.
»Wie, kein Zugangscode?«, stichele ich.
»Toilette und Waschbecken«, erklärt er, bevor er die Tür
wieder schließt.
»Die Duschen sind weiter den Flur runter, die zeigen wir
Ihnen später.«
Mein Blick gleitet über die weißen Wände und ich zucke bei
der aufgemalten floralen Kunst zusammen. Schon wieder Blumen.

Mister Whittingham lässt den Umschlag auf den Schreibtisch
fallen und wendet sich zu mir um.
»Lesen Sie den Inhalt. Darin finden Sie sämtliche Informatio
nen, die Sie benötigen. Auf dem Schreibtisch liegt außerdem ein
Exemplar des Handbuchs. Sie sind in einer Stunde zu einem
psychiatrischen Termin eingeplant. Jemand wird kommen, um
Sie abzuholen.«
Ich beobachte, wie er einen Moment im Türrahmen verharrt,
die Hand am Rahmen.
»Ich hoffe, Sie genießen Ihre Zeit bei uns, Miss White. Ich
denke, Sie werden sich daran … gewöhnen.«
»Unwahrscheinlich«, murmele ich vor mich hin, doch natür
lich hat er mich gehört.
»Das Leben ist voller Überraschungen. Seien Sie dankbar,
dass sich jemand genug um Sie gesorgt hat, um es zu versuchen.
Die meisten haben nicht dieses Privileg. Willkommen in Lilydale,
Avery.«

 

 

 

 

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